Donnerstag, 2. April 2020



Kurznachrichten Libyen – 27.03.2020

Militärische Lage – Coronavirus – Libysche Nationalarmee – ‚Einheitsregierung‘ (Tripolis) – Verschiedenes

Militärische Lage
Es wird an fast allen Fronten gekämpft.
+ Der LNA-Sprecher al-Mismari: Die LNA warne die so genannte ‚Einheitsregierung‘ und ihre Milizen. Sollten sie weiterhin den wegen der Coronakrise getroffenen Waffenstillstand verletzen, würden sie an allen Fronten bekämpft. Allein die ‚Einheitsregierung‘ trage für das nun Folgende die Verantwortung.
+ Laut der LNA wurden in den letzten 72 Stunden 103 syrische Milizionäre getötet.
Westlich von Sirte:
+ Die Libysche Nationalarmee (LNA) rückt westlich von Sirte vor und dringt sowohl in das Wadi Zamam als auch in die Stadt al-Qaddahiya ein. Die Kämpfe in al-Qaddahiya dauern an.
+ Eine türkische UAV-Drohne nimmt die vorrückenden LNA-Truppen in al-Qaddahiya ins Visier. Über Abu Grain werden zwei türkische UAV-Drohnen gesichtet.
+ Eine große Schlacht hat in den Außenbezirken von Abu Grain begonnen.
+ Die LNA hatte vorher auf Positionen der Milizen der ‚Einheitsregierung‘ in Abu Grain und im Wadi ZamZam Luftangriffe geflogen. Vorher war von einer langen Kolonne von Milizen-Fahrzeugen berichtet worden, die Misrata verlassen hätten. Es sollen viele syrische Söldner zur Unterstützung der Misrata-Milizen angekommen sein. Die Milizen der ‚Einheitsregierung‘ sollen in Abu Grain schwere Verluste erlitten haben.
Im Süden von Tripolis:
+ Milizen der ‚Einheitsregierung‘ starten einen Großangriff auf Einheiten der LNA (Tugar/al-Tawisha/ Qasr bin Gashir/Wadi al-Rabia). Ziel sei es, den internationale Flughafen von Norden und Süden her einzukesseln.
+ Noch in der Nacht hatte ein großer LNA-Militärkonvoi Bengasi verlassen und sich auf den Weg nach Tripolis gemacht.
Im Westen:
+ Die LNA gab zunächst die Einnahme der nahe der Grenze zu Tunesien gelegenen Stadt  Abu Kammash bekannt, kurze Zeit später hatte sie auch die Kontrolle über die Grenzstadt Ras Adschdir (Ras Ajdir) erlangt. In die Grenzstation selbst waren sie noch nicht vorgedrungen, da sie sich vorher mit der tunesischen Seite absprechen wollten. Die tunesische Seite hat den Grenzübergangs militärisch verstärkt.
https://twitter.com/LNA2019M/status/1221532736999084033
+ Nachdem Milizen der ‘Einheitsragierung’ im Westen eine vernichtende Niederlage erlitten haben, brachten Milizionäre aus der Stadt Zwarah nachts ihre Familien nach Tunesien in Sicherheit. Die LNA gewährte ihnen die Durchfahrt.
Es gebe zwei Gruppen von Milizionären: Ein kleiner Teil befinde sich an der tunesischen Grenze und verhandle mit der tunesischen Armee um Aufnahme, der andere Teil befindet sich noch in Zwarah und ist dort von der LNA umzingelt.
https://twitter.com/LNA2019M/status/1242949622089252864

Coronavirus
+ Laut der LNA stehen etwa zwanzig syrische Söldner, die über die Türkei auf dem Luftwaffenstützpunkt in Mitiga eintrafen, unter dem Verdacht, Corona positiv zu sein.
+ Die libysche Regierung hat eine große Anzahl von Krankenwagen importiert und wird in den befreiten Gebieten (96 Prozent des libyschen Staatsgebiets) einen Hausarztservice in Betrieb nehmen.
Außerdem lässt die LNA vier Feldlazarette zur Behandlung von Coronakranken errichten.
+ Der UN-Sicherheitsrat traf erneut zusammen. Er zeigte sich besorgt über die erhebliche militärische Eskalation in Libyen und forderte eine sofortige Einstellung der Feindseligkeiten, um den ungehinderten Zugang zu humanitärer Hilfe im ganzen Land zu gewährleisten.
+ Der ehemalige Interimspremierminister von Libyen, Mahmoud Jibril, wurde wegen Covid-19 in ein Kairoer Krankenhaus eingeliefert.

Libysche Nationalarmee
+ Der Sprecher der LNA al-Mismari sagte, dass die LNA den humanitären Waffenstillstand in Tripolis nicht umsetzen könne, weil die Milizen der ‚Einheitsregierung‘ weiterhin dagegen verstoßen. Die Kämpfe dauerten an. In den vergangenen drei Tagen seien die Milizen östlich von Misrata verstärkt worden, die Seeseite mit tschadischen Söldnern, die al-Nahr-Straße in Abu Grain mit syrischen Söldnern. Außerdem seien aus der Türkei Artillerie und Antennen mit Störsendern für den Drohneneinsatz angekommen. Milizen seien auch südlich von Zliten und nahe al-Khoms aufgezogen, um den Angriff auf die Stadt Tarhouna vorzubereiten.

‚Einheitsregierung‘ (Tripolis)
+ Der radikal-islamistische Prediger Sadiq al-Gharyani forderte die Milizenkämpfer auf, der Forderung der internationalen Gemeinschaft nach einem Waffenstillstand nicht nachzukommen, denn die LNA wäre weit gefährlicher als der Coronavirus.

Verschiedenes
+ Africa Eye der BBC deckt Verstöße der Türkei gegen das vom UN-Sicherheitsrat gegen Libyen verhängte Waffenembargo auf. Nur wenige Tage, nachdem Erdogan im Januar an der Berliner Libyen-Konferenz teilgenommen und dort zugesagt hatte, die internationalen Bemühungen um eine Beendigung des Libyenkonflikts zu unterstützten, beging die Türkei „die bisher eklatanteste Verletzung des Waffenembargos gegen Libyen“. Der Transport türkischer Waffen nach Libyen erfolgte auf dem Frachter Bana, der am 24. Januar in Begleitung von zwei Fregatten der türkischen Marine von der Türkei aus in See stach.
Wie Videoaufnahmen belegen, legte die Bana, beladen mit Waffen, Militärfahrzeugen und schwerer Artiellerie, im Hafen von Tripolis an.
Später wurde das Schiff im Hafen von Genua beschlagnahmt. Die Schiffsbesatzung sagte aus, dass das Schiff in der Hafenstadt Mersin in der Südtürkei Waffen, Panzer und Sprengstoff für den Transport nach Tripolis geladen hatte. Angeblich waren zehn türkische Soldaten an Bord, um die Schiffsladung zu bewachen.
Bereits vorher hatte die Türkei, die die ‚Einheitsregierung‘ in Tripolis unterstützt, wegen der Verletzung des Waffenembargos gegen Libyen von sich reden gemacht. Bilder von der Entladung türkischer Panzerfahrzeuge im Hafen von Tripolis waren im Internet aufgetaucht. Es bestand die Sorge, dass die Fahrzeuge in die Hände des von der UNO sanktionierten Milizführers Salah Badi gelangen könnten.
https://www.bbc.com/news/av/world-africa-52037533/turkey-sends-secret-arms-shipments-into-libya
+ Abdul-Salam al-Badri, der stellvertretende libysche Ministerpräsident, sagte in einem Interview mit einer ägyptischen Zeitung, dass die Gerüchte über die Entsendung italienischer Truppen nach Libyen unzutreffend sind. „In Misrata gibt es italienische Sanitätstruppen. Aber wir glauben nicht, dass Italien beabsichtigt, sich auf die Seite des Terrorismus zu stellen, wie es die Türkei getan hat.“ Und zum Schicksal von Fayez as-Sarradsch befragt sagte er: „Wie jeder Landesverräter wird Sarradsch im Mülleimer der Geschichte landen. Er wird am Ende entweder ins Exil außerhalb des befreiten Libyens verbannt werden. Oder er wird verhaftet. Es wird einen fairen Prozess geben und er wird im Gefängnis landen. […] Sarradschs Bitte an die USA, eine Militärbasis in Libyen zu errichten, ist typisch für seinen hemmungslosen Verrat.“
Zur Rolle der UNO sagte al-Badri: „Die Vereinten Nationen und ihre Sondermission haben dem libyschen Volk nie zur Seite gestanden.“ Seit 1948 hätten sie stets die falsche Seite unterstützt. Der Rückzug der libyschen Parlamentsdelegation von den Genfer Gesprächen sei aus Protest gegen die Voreingenommenheit der UN-Sondermission für Libyen erfolgt. Die Genfer Konferenz sei eine Totgeburt: „Wie können diejenigen, die für Libyen kämpfen, einen Dialog mit denjenigen führen, die Libyen an die Türkei und andere verkauft haben?“
In Bezug auf Erdogan meinte al-Badir: „Er hat weder den Transfer von syrischen Söldnern noch die Entsendung von terroristischen Söldnern und Waffen nach Libyen eingestellt. Als Vertreter der libyschen Regierung wissen wir das sehr gut und unterstützen unsere Streitkräfte.“
Und zu Katar meinte al-Badir: „ Der Vater des Emirs von Katar hatte sich gegen Libyen verschworen und plante, sich seinen Reichtum anzueignen. Wie der Vater, so hat auch der Sohn ein Auge auf den libyschen Reichtum geworfen. Aber er wird nicht gewinnen, trotz seines Bündnisses mit Erdogan. Er behauptet, ein islamischer Führer zu sein, aber der Islam hat nichts mit seinem Handeln zu tun.“
In Bezug auf die Zukunft sagte al-Badri, dass die Lösung der libyschen Krise in den Händen des libyschen Volkes liege. Fremde Ideologien wie die der Muslimbruderschaft oder andere dürften keinen Einfluss haben.
https://almarsad.co/en/2020/03/25/badri-fayez-al-sarrajs-will-end-up-exiled-or-face-trial/
+ Der türkische Oppositionspolitiker Abdullah Bozkurt sagte, Erdogan nutze Somalia und Libyen für verdeckte Operationen in Afrika. Er plane, verdeckte Operationen in Subsahara-Afrika von Somalia aus durchzuführen. Zu diesem Zweck habe die Türkei ihre Botschaft in Mogadischu als einen großen Komplex gestaltet und gleichzeitig ein militärisches Ausbildungszentrum errichtet. Dies alles erfolge ohne Absprache mit wichtigen afrikanischen Akteuren wie Kenia, Äthiopien und Südafrika aus Angst, dass sie seine Pläne vereiteln könnten.
Der ehemalige türkische Botschafter in Mogadischu habe zu seiner Amtszeit mit den Führern der terroristischen al-Schabab-Bewegung Waffengeschäfte getätigt. Dollarbeträge in Millionenhöhe seien an Erdogans Geschäftspartner überwiesen worden.
Bozkurt sagte auch, die Türkei habe allein daran Interesse, die Ressourcen dieser Länder auszubeuten. Somalia und Libyen würden auch als Startrampen für türkische Unternehmen genutzt. Wie aus Dokumenten von Erdogans Schwiegersohn Berat al-Bairaq aus dem Jahr 2016 hervorgehe, richte sich das Augenmerk in Somalia auf Erdöl und Gold.
https://www.bbc.com/news/av/world-africa-52037533/turkey-sends-secret-arms-shipments-into-libya
+ Der UN-Sicherheitsrat zeigte sich besorgt über die eskalierende Lage in Libyen. Er forderte die Mitgliedstaaten auf, sich an das Waffenembargo in Libyen zu halten. Die kriegführenden libyschen Parteien wurden aufgefordert, die Feindseligkeiten einzustellen, um humanitäre Hilfe in der Covid-19-Pandemie zu ermöglichen.
+ Die EU einigte sich auf ein Mandat für die neue Mission Irene zur Durchsetzung des UN-Waffenembargos gegen Libyen. „Die Botschafter der 27 EU-Staaten verständigten sich am Donnerstag in Brüssel darauf, dass die neue Operation das Embargo aus der Luft, per Satellit und auf dem Meer überwachen soll, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Diplomatenkreisen erfuhr. Damit kehrt die Staatengemeinschaft nach einjähriger Abwesenheit mit Schiffen zurück ins Mittelmeer.“ Die Schiffe werden nicht im zentralen Mittelmeer, sondern deutlich weiter östlich (vor Bengasi oder dem Suezkanal) eingesetzt, fernab der Fluchtrouten.
https://deutsch.rt.com/international/99998-nach-sophia-kommt-jetzt-irene

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