Teil I: Kurznachrichten Libyen – 12. bis 18. Februar 2026
Teil I der wöchentlichen Kurznachrichten
befasst sich mit der Ermordung von Saif al-Islam Muammar Gaddafi, seinem
Begräbnis, den Trauerfeiern und den politischen Kommentaren und Analysen.
Teil II widmet sich den weiteren politischen
Geschehnissen in Libyen.
Im östlichen Libyen
und im westlichen
Libyen wurden der Beginn des Ramadan bekanntgegeben. Mubarak!
Brigadegeneral
al-Adschami al-Atiri zu Saif al-Islam Gaddafi: Gott hat dich diesen
Monat zu seinem Gast erwählt. Es war unser Schicksal, uns von dir trennen zu
müssen, damit wir unter dem Schmerz des Verlusts und der Trennung sowie des
Verlusts unserer ersehnten Heimat fasten.
Mit der Ermordung und Beerdigung von Saif al-Islam Gaddafi ist Libyen in eine Zwischenwelt geglitten. Die politischen Dimensionen haben einen Sprung, sind verschoben. Nichts ist mehr, wie es war. Das Lager der libyschen Stämme dürfte sich gleichzeitig ihrer Ohnmacht als auch – dank ihres würdevollen und mächtigen Auftretens – ihrer Stärke bewusst geworden sein. Ein Ende und ein Beginn. Die Zukunft noch nicht voraussehbar, eine Türe wurde für immer geschlossen, andere werden sich öffnen.
Was von den Pseudo-Regierungen übrigbleibt: Im Westen die ‚Regierung‘ von Abdelhamid Dabaiba – abgewirtschaftet, korrupt, unbeliebt, ohne Rückhalt in der Bevölkerung – befindet sich in einer längst abgelaufenen, durch Stimmenkauf erhaltenen Machtposition, angetrieben von einem im Hintergrund agierenden Ibrahim Dabaiba (fast hätte ich geschrieben Ibrahim Haftar – wäre das so falsch?). Der Haftar-Militärclan – ohne jede echte Autorität, aufgeblasene Gewaltherrscher mit pseudo-militärischen Rängen, vom Vater den Söhnen verliehen. Haftar und Dabaiba – an der Macht durch westlichen Wunsch und Militärstärke. Dabaiba und Haftar mit ihren Clans – Marionetten, bereits heute abgehalfterte Antihelden, die niemals dazu fähig sein werden, Libyen auch nur in die Nähe von Einheit und Würde zu führen.
Warum musste Saif al-Islam sterben und warum gerade jetzt? Vielleicht geben darüber die Berichte über die Anwesenheit von Saddam Haftar auf der Münchner Sicherheitskonferenz am 14. Februar Auskunft, wo er sich mit AFRICOM-Kommandant Dagvin Anderson traf und Gespräche über die neuesten Entwicklungen in Libyen und „Möglichkeiten zur Verbesserung der Zusammenarbeit in Fragen von gegenseitigem Interesse“ führte. Was sind das für gleiche Interessen, außer die Macht an sich zu reißen, um Libyen weiter ausbeuten zu können? Selbstverständlich war auch der Berater des US-Präsidenten für afrikanische Angelegenheiten, Massad Boulos, in München anwesend, um mit General Anderson „über die Entwicklung der Sicherheitslage in Libyen und eine Reihe von Fragen im Zusammenhang mit Frieden und Stabilität auf dem afrikanischen Kontinent“ zu plaudern.
Hektik im Haftar- und Dabaiba-Lager, um sich in der neuen Situation bestmöglich in Stellung zu bringen; beide mit ihren Pseudomilitäreinheiten die Befehle aus dem Ausland ausführend.
Der Mord am Präsidentschaftskandidaten Saif al-Islam Gaddafi
+ Moussa Ibrahim (Video): „Saif al-Islam Gaddafi wurde im Rahmen einer von ausländischen Mächten inszenierten Verschwörung getötet.“
+ Moussa Ibrahim Video: „Saif
al-Islam Gaddafi war die größte Hoffnung eines vereinten Libyens.“
War Muammar Gaddafis kürzlich ermordeter Sohn Saif ein geeigneter
Kandidat für die Führung eines vereinten Libyens? Davon ist der ehemalige
Sprecher von Muammar Gaddafi und heutiger Geschäftsführer der Africa
Legacy Foundation, Moussa Ibrahim, überzeugt. Er nennt dafür drei
Gründe: Saif hatte einen konkreten Plan, war nicht von
ausländischen Strippenziehern abhängig und erfreute sich großer
Beliebtheit (Tausende nahmen an seiner Beerdigung teil). Saifs Vater
Muammar wurde bekanntlich ebenfalls ermordet – von NATO-gestützten
Kräften im Jahr 2011.
Die Libyer haben ihren vielversprechendsten zukünftigen Präsidenten
verloren.
+ Eine große Delegation von libyschen
Stammesführern traf sich am 16. Februar mit Generalstaatsanwalt
as-Siddiq as-Sour in seinem Büro in der Stadt Misrata, um über das Attentat
auf den Präsidentschaftskandidaten Saif Al-Islam Muammar Gaddafi zu
sprechen.
Die Delegation betonte, wie wichtig es sei, eindeutige Ermittlungsergebnisse
zu erzielen, da der Fall in der Öffentlichkeit großen Widerhall findet
und alle Libyer betrifft.
As-Sour erklärte, dass die Ermittlungen gut voranschreiten und
die Ermittlungsbehörden ihre Arbeit fortsetzen werden, bis die Wahrheit
ans Licht kommt und die Täter gefasst sind.
+ Sozialrats des
Gaddafi-Stammes: Die Delegation betonte, wie wichtig es sei, der Öffentlichkeit
die ganze Wahrheit zu offenbaren und alle Umstände und beteiligten
Parteien offenzulegen. Die Delegation forderte, dass der Gerechtigkeit
Genüge getan und jeder, der nachweislich beteiligt war, gemäß
dem Gesetz angemessen bestraft werde.
Der Generalstaatsanwalt bestätigte, dass die Ermittlungen zügig
voranschreiten und von ihm persönlich geleitet werden. Die Ergebnisse
der Ermittlungen würden nach Abschluss der rechtlichen Verfahren transparent
gemacht.
+ Mustafa az-Zaidi (ehemaliger Anführer der Revolutionären Komitees und Vorsitzender der Partei Volksbewegung): Wie kann es sein, dass die libyschen Strafverfolgungsbehörden die Täter nicht identifizieren und festnehmen? Dies macht diejenigen verdächtig, die für die Strafverfolgung und Verbrechensbekämpfung zuständig sind. Sie werden entweder der Beihilfe oder der Vertuschung bezichtigt!
Trauer um Saif al-Islam Muammar Gaddafi
+ Scheich Amradsch Buhalfaia al-Maghribi sprach sein Beileid zum Tod von Saif al-Islam Muammar Gaddafi aus: „Diese große Tragödie betrifft nicht eine bestimmte Familie oder einen bestimmten Stamm, sondern ist ein Verlust, dessen Auswirkungen alle freien Menschen betreffen.“ Er betonte die Bande der Brüderlichkeit und Solidarität, die die Söhne der Nation in Zeiten des Wohlstands und der Not vereinen.
+ Eine Delegation des Obersten Rates der as-Sayan-Stämme sprach ihr Beileid aus: Saif al-Islam ist ein Märtyrer der Nation. Die Trauer wird geteilt, denn der tiefe Verlust betrifft alle freien und ehrenhaften Menschen.
+ Die Delegation
der Radschban-Stämme: Saif al-Islams Konzept ist kein
persönliches Konzept, sondern ein Konzept zur Rettung eines Heimatlandes vor
Besatzung, Chaos, hohen Lebenshaltungskosten, Schmuggel und Einwanderung
und zur Befreiung des Landes.
„Wir sind alle Muammar Gaddafi, wir sind alle Saif al-Islam, wir sind alle
al-Mutasim und wir sind alle Khamis [Brüder von Saif].“
Saif al-Islam habe nach 15 Jahren des Kampfes sein Projekt allen
Libyern anvertraut.
„Wir werden Saif al-Islams Ansatz nicht aufgeben und wir werden unsere
Stimmen nicht verkaufen, bis wir unser Land durch Wahlen
wiederhergestellt haben. Wir fordern, dass die Wahrheit ans Licht kommt,
dass die Täter gefunden und für dieses Verbrechen zur Rechenschaft
gezogen werden.“
+ Der Sozialrat des Gaddafi-Stammes empfing in Sirte eine Delegation des Fawad-Stammes, der sein Beileid aussprach.
+ Der Sozialrat des
Gaddafi-Stammes empfing eine Delegation des Magharba-Stammes und
Bewohner der Gebiete von Brega, Bischr, al-Arqub und Ras Lanuf, unter
der Leitung von Scheich Amradsch Buhalfaia al-Maghribi, die ihr
Beileid aussprach. (Fotos).
Der Sozialrat des Gaddadfi-Stammes würdigte den Besuch der
Delegation als Ausdruck der tiefen brüderlichen Beziehungen und der Einheit
angesichts der widrigen Umstände.
+ Der Sozialrat des Gaddafi-Stammes empfing eine Delegation des Dschufra-Stammes und eine Delegation des Abu-Makhlub-Clans vom Magarha-Stamm, die ihr Beileid aussprachen. (Fotos)
+ Der Sozialrat des Gaddafi-Stammes empfing eine Delegation des Abu-Turkiya-Clans, die ihr Beileid aussprach. (Fotos)
+ Der Sozialrat des Gaddafi-Stammes empfing eine Delegation des Gabail-Stammes, die ihr Beileid aussprach. (Fotos)
+ Der Sozialrat des
Gaddafi-Stammes empfing eine Delegation des
Rabai-Stammes, die ihr Beileid aussprach.
Dr. Mohammed
Ali ar-Rabaie: Saif al-Islam fiel Verrat, Intrige, Verschwörung
und sündhaften Händen zum Opfer. Die Tragweite dieser Tragödie
lässt sich nicht in Worte fassen. Seine Beerdigung hat der Welt
die Liebe der Libyer zu ihm vor Augen geführt. Saif al-Islam
gab sein Leben als Opfer für das Vaterland und floh nicht wie jene,
die flohen, als das Vaterland sie brauchte. Saif al-Islam trat in die
Fußstapfen seiner Vorfahren; er ist der Sohn eines Märtyrers und der
Bruder von Märtyrern.
+ Dschawad Kazem Abud ar-Rabat al-Gatrani, Scheich der Gatrani-Stämme im Irak, sandte ein Kondolenztelegramm: Die al-Gatrani-Stämme im Irak teilen die Trauer und den Schmerz über diese große Tragödie und sprechen ihr Beileid zum Verlust des Sohnes, des verstorbenen Anführers, aus, der die Geschichte der arabischen und islamischen Nation unauslöschlich geprägt hat.
+ In Pakistan erfolgt ein Brunnenbau als Wohltätigkeitsaktion im Gedenken an Saif al-Islam Muammar Gaddafi. (Fotos)
Politisches Team Saif al-Islam Muammar Gaddafi
+ Das Saif-Gaddafi-Team
bestätigte, dass seine Bewegung ihren nationalen, friedlichen und
demokratischen Weg fortsetzt, und dass alle ihre Plattformen und
Institutionen allen ihren Anhängern offenstehen. Libyen
bleibe trotz der Verschwörung von Feinden von innen und außen seinem Pakt
mit der Geschichte treu.
Das abscheuliche Terrorverbrechen, das das Leben des legendären
Märtyrers forderte, werde Stärke, Widerstandsfähigkeit, Tatkraft und
Entschlossenheit, den Weg zur Verteidigung der Freiheit Libyens zu
vollenden, nur noch verstärken.
Dieses Verbrechen sei von den Kräften der Finsternis und des Verrats
geplant und ausgeführt worden, den Feinden des libyschen Volkes,
den Feinden der Freiheit, des Friedens, des Fortschritts
und der nationalen Versöhnung.
„Die Flagge der Nation wird uns nicht entgleiten; sie wird von den
freien Menschen Generation für Generation gehisst werden.“
Der Weg des Stolzes, der Ehre und der Opferbereitschaft für
Libyen werde fortgesetzt, den Weg unseres legendären Märtyrers
Saif al-Islam Muammar Gaddafi, der sein Leben dem Fortschritt und
der Weiterentwicklung Libyens mittels des Konzepts Libyen von Morgen
widmete. Saif al-Islam habe sich für sein unterdrücktes und
unterworfenes Volk eingesetzt und die Option der nationalen Versöhnung
und den friedlichen demokratischen Weg
befürwortet.
Das Vermächtnis der Märtyrer, allen voran der Märtyrer Muammar
Gaddafi und Saif al-Islam Muammar Gaddafi, werde in jedem freien und
ehrenvollen libyschen Haushalt bewahrt und von starken und
vertrauenswürdigen Händen bewacht. Dieses Treuhandverhältnis
trage die operative Verantwortung für alle Arbeitsteams, die ihre auf
verschiedenen politischen, medialen, rechtlichen und sozialen Ebenen
zugewiesenen Aufgaben übernehmen. Sie sind innerhalb derselben
Struktur, die von Saif al-Islam Gaddafi geschaffen wurde, tätig.
An alle jene, die Libyen auslaugen oder den Willen seines
Volkes brechen möchten, sei diese Botschaft gerichtet: Dieses Volk,
das Entbehrungen erduldet und wertvolle Opfer gebracht hat, ist in
der Lage, seinen Staat wiederherzustellen und seine Zukunft aus
freiem Willen zu gestalten.
Libyen bleibe Eigentum des libyschen Volkes und gehöre niemand
anderem. Das libysche Volk hat an dem denkwürdigen Tag der Beerdigung
des Märtyrers seine endgültige und unmissverständliche Entscheidung
kundgetan.
„Wir verfolgen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und werden nicht
ruhen, bis die Täter verhaftet und vor Gericht gestellt werden.“
+ Abdullah Othman (Leiter des politischen Teams von Saif al-Islam Gaddafi): Saif al-Islam versuchte zu sagen, dass eine Einigung keine Niederlage und Versöhnung keine Schwäche ist, und dass das Vaterland wichtiger als die Schützengräben des Augenblicks ist.
Gott, Muammar und Libyen!
+ Es wurde die Gründung der
Basisinitiative Loyalisten-Treffen
bekanntgegeben. Es handelt sich dabei um eine Gruppe, die Saif al-Islams
intellektuelles und humanitäres Erbe auf der Grundlage der Werte Loyalität,
Liebe und Hingabe zu ihm und seiner nationalen Sache pflegen will.
Man wolle die Wahrheit über das abscheuliche Attentat aufdecken und
sicherstellen, dass die Täter nicht ungestraft davonkommen.
+ Am 14. Februar wurde in Tripolis eine Koranrezitation zum Gedenken an den ermordeten Saif al-Islam Muammar Gaddafi abgehalten.
+ In der französischen
Hauptstadt Paris fand am 14. Februar eine Gedenkfeier zu
Ehren von Saif al-Islam Muammar Gaddafi statt.
Die Veranstaltung umfasste Nachrufe, die seine Rolle, seine Initiativen
und seine Konzepte in Bezug auf nationale Fragen beleuchteten.
Es wurde an Schlüsselmomente seines politischen
Wirkens erinnert, wobei die Teilnehmer die Bedeutung der Dokumentation seiner
Erfahrungen betonten und seine Beiträge zur Zukunft Libyens
hervorhoben.
+ Auch in Tunesien fanden am
14. Februar Gedenkfeiern
zu Ehren von
Saif al-Islam Muammar Gaddafi statt.
Die tunesische
Volksbewegung hatte einen Gedenkgottesdienst für den ermordeten
Saif al-Islam Muammar Gaddafi organisiert, bei dem eine Reihe tunesischer
Aktivisten als Redner geladen waren.
Sarah Brahmi (Enkelin des verstorbenen tunesischen Aktivisten Mohamed
Brahmi): Wir sind nicht hier, um über die Geschichte zu urteilen, sondern um
unsere Differenzen zu überwinden. Wir sind hier, um zu sagen, dass Verlust
schmerzt, dass er Spuren hinterlässt, die die Zeit nicht so leicht
auslöschen kann, und dass Unterdrückung ausnahmslos in unseren arabischen
Familien Einzug gehalten hat. In solchen Momenten löst sich die Politik auf
und nur die Menschlichkeit und das Vaterland bleiben zurück. Wie lange
wird dieses Blutvergießen noch andauern, wie lange wird uns das Blut des
Märtyrers noch verfolgen und das, was wir ihm und dem, was von diesem
Vaterland übrig ist, angetan haben?
Wir stehen nicht hier, um die Spaltung zu vertiefen, sondern um
unsere Menschlichkeit wiederherzustellen und zu bezeugen, dass
der Märtyrer kostbar ist, dass libysches Blut kostbar ist und
dass Libyen kostbar ist.
Stellungnahmen
+ Der Oberste
Jugendrat von Zintan warnte vor Aufruhr nach der
Ermordung des ermordeten Saif al-Islam Muammar Gaddafi.
Die Stämme der Zintan und Warfalla seien integraler Bestandteil der
Nation, verbunden durch tief verwurzelte historische Bindungen. „Wir
rufen alle unsere loyalen Söhne, Ältesten, Weisen und Jugendlichen
dazu auf, der Stimme der Weisheit und Vernunft den Vorrang zu
geben und sich über alles zu erheben, was Streit schürt oder uns
spaltet, denn die Stärke unserer Nation liegt in ihrer Einheit und
ihre Schwäche in ihrer Spaltung.
Wir alle sind Söhne dieser Nation und werden vereint, Hand
in Hand und im Herzen, für unser Heimatland einstehen und unsere Gesellschaft
vor jeglichem Schaden bewahren.“
+ Der russische Vertreter bei den Vereinten Nationen verurteilte die Ermordung von Saif al-Islam aufs Schärfste. Er betonte, dass die libyschen Behörden eine klare und unparteiische Untersuchung durchführen müssten, um die Täter des Vorfalls zu ermitteln und sie gemäß dem Gesetz zur Rechenschaft zu ziehen.
Analysen und Meinungen
+ Mustafa
al-Fituri (Autor): Die Kandidatur von Saif al-Islam Gaddafi
versetzte die westlichen Mächte in Angst und Schrecken, da sie sich seines
Sieges sicher waren. Deshalb beschlossen sie, den gesamten politischen
Prozess zu lähmen.
Die Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi in Zintan am 3. Februar markierte
den blutigen Abschluss des Desasters der NATO-Intervention im Jahr 2011.
Saif al-Islam war der letzte Erbe von Millionen Anhängern, die
als die Grünen bekannt sind. Diese breite Basis bleibe
eine wichtige Säule der fragilen Stabilität im Süden Libyens, wo Saif
die Rolle des Hauptvermittlers zwischen konkurrierenden
Stammesinteressen übernommen hatte.
Für viele der Trauernden in Bani Walid sei die Beerdigung ein tiefer
persönlicher Trost gewesen, auch weil ihnen 2011 die Beerdigung von
Muammar Gaddafi, Saifs Vater, verwehrt worden war. Der Ort seiner
Grabstätte ist bis heute geheim.
Al-Fituri:
Die Wahl von Bani Walid als seiner letzten Ruhestätte hat eine tiefe
Bedeutung, die sich über Generationen erstreckt. Auf dem dortigen
Friedenhof wurde Saifs Urgroßvater nach seinem Märtyrertod in einer Schlacht
gegen die italienische Besatzung im Jahr 1911 beigesetzt. Saifs
jüngerer Bruder Khamis wurde dort ebenfalls beigesetzt, nachdem NATO-Truppen
im Oktober 2011 seinen Konvoi bombardiert hatten.
Mit Saifs Beisetzung sei eine direkte Verbindung zwischen seinem Tod
und dem jahrhundertelangen Kampf um die Souveränität Libyens hergestellt
worden. Seine Beisetzung bedeute kein Ende, sondern den Anfang der
Wiederherstellung der Souveränität.
An der nördlichen Stadtzufahrt von Bani Walid stehe ein riesiges
Plakat, einem Denkmal gleich, das Muammar Gaddafi neben Saddam
Hussein, Khamis und den Märtyrern der Stadt zeigt, die 2011 und
2012 bei deren Verteidigung gefallen sind. Ein Bild von Saif al-Islam
soll hinzugefügt werden.
Saifs Weg in seinem letzten Lebensjahrzehnt sei eine Studie
über das Überleben, die allen Szenarien trotzte, die für ihn in
London oder Washington entworfen worden waren.
In jungen Jahren sei er bei den westlichen Eliten sehr beliebt
gewesen – als Künstler, dessen Bilder in London, Brüssel und New York
ausgestellt wurden. Dieselben politischen und gesellschaftlichen Eliten,
die seine Ausstellungen besuchten, seien später diejenigen gewesen,
die die Kampagne zu seinem Sturz anführten.
Saif al-Islam sei das reformistische Gesicht der Dschamahirija
gewesen, des einzigartigen Systems, das von seinem Vater begründet wurde und
als „Staat der Massen“ und direkte Demokratie bekannt ist. Obwohl dessen
ideologisches Ziel der Aufbau einer dezentralen Autorität war,
blieb es in Wirklichkeit ein hochgradig zentralisiertes System,
das Saif von innen heraus zu modernisieren suchte. Saif al-Islam
sei ein Mann gewesen, der seinen Einfluss nicht innerhalb offizielle
Ämter, sondern für Diplomatie nutzte.
Es habe weltweit erfolgreich die Freilassung westlicher Geiseln ausgehandelt.
Dieselbe Gruppe, die später in den Chor derer einstimmte, die ihn
als „Teufel in Verkleidung“ bezeichneten, lobte damals seine
Menschlichkeit und seine akademische Brillanz.
+ Mustafa
al-Fituri (in RT): Mit der Ermordung von Saif Al-Islam Gaddafi
haben seine Mörder nicht den Status quo gesichert, sondern die letzte
symbolische Stütze für Millionen von Libyern zerstört, die noch immer an
die Möglichkeit der Rückkehr des Regimes in einer geeinten und zivilen Form
glauben.
Die riesige Menschenmenge in Bani Walid habe gezeigt, dass Libyen
nicht vom „Gespenst der Dschamahirija befreit“ wurde, sondern endgültig in das
von Saif al-Islam vorhergesagte gesetzlose Vakuum eingetreten ist.
Die langfristigen Konsequenzen seien verheerend. Seine Anhänger,
die einst einen geeinten Block bildeten, werden sich
voraussichtlich in eine desillusionierte Wählerschaft verwandeln; sie
werden sich davor hüten, für eine Fraktion zu stimmen, die
als an seinem Mord mitschuldig angesehen wird.
Jahrelang spielte Saif die Rolle eines unverzichtbaren
Vermittlers und diente als politische Stütze und legitime Alternative zu
der Elite, die ihre Glaubwürdigkeit völlig verloren hat. Er sei die treibende
Kraft der Versöhnung unter den Libyern, insbesondere unter den Stämmen
im Süden, gewesen, wo sein Einfluss ein Schlüsselfaktor für
Stabilität war.
Während seinen Anhängern derzeit eine einheitliche Streitmacht vor Ort fehle,
stört ihr politischer Rückzug den Friedensprozess erheblich.
Indem die Täter den Mann töteten, der seine Anhänger dazu aufrief,
Wahlen statt Kugeln zu vertrauen, sprengten sie die letzte
verbliebene Brücke zwischen der zerrissenen Vergangenheit des Landes
und seiner möglichen Zukunft. Die Architekten dieses Chaos
sorgten dafür, dass die einzige verbleibende Sprache die des stillen,
brodelnden Grolls sein wird. Nun gebe es niemanden mehr, der das
Land zur Vernunft bringen könne.
+ Das Libysche
Zentrum für Sicherheits- und Militärstudien: Die Ermordung von Saif
al-Islam Muammar Gaddafi führte zum Ende des Gleichgewichts zwischen den
Konzepten Februar-September-Würde, das mehr als ein Jahrzehnt
gedauert hatte, und verkompliziert die Situation, indem sie die letzte
soziale Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zerstörte.
Der Mord fand im Rahmen einer Geheimdienstoperation statt, die darauf
abzielt, die politische Landkarte Libyens im Vorfeld der für April 2026
geplanten Wahlen neu zu gestalten. Das Fehlen von Saif al-Islam Gaddafi
eröffnet eine direkte Gegenüberstellung oder ein erzwungenes Abkommen zwischen
den Tripolis- und den Bengasi-Lagern, was zur völligen
Marginalisierung der sozialen Kräfte führt, die in der September-Bewegung
(Gaddafi-Anhänger) einen Ausweg aus der Spirale des strukturellen und
institutionellen Staatsversagens sahen.
Die Präsenz von Saif al-Islam verhinderte, dass weder Abdulhamid
Dabaiba noch Khalifa Haftar die Macht monopolisieren konnten, da Saif
über eine breite Volksbasis verfügte, deren Vertrauen in ihn laut
mehreren unabhängigen Meinungsumfragen auf 45 Prozent geschätzt wurde.
Saif al-Islam verkörpert eine Symbolik, die weit über ihn als
Person hinausgeht, und die Bilder von der Beerdigung in Bani Walid
sandten eine klare Botschaft an das bestehende politische System, dass
der Grüne Block (Gaddafi-Anhänger) noch immer existiert
und zur Mobilisierung fähig ist.
Saif al-Islam besaß eine moralische Kraft und historische
Legitimität, die keiner der beiden gegenwärtigen Parteien in Libyen
zukommt.
+ Präsidialratsvorsitzender
al-Menfi (der im Ausland residiert): Die Ermordung von Dr. Saif al-Islam
Gaddafi ist vor allem ein klarer Angriff auf die Versöhnung in Libyen.
„Wir verurteilen die Ermordung von Dr. Saif al-Islam Muammar
Gaddafi. Es gibt welche im In- und Ausland, die vom Chaos profitieren.“
Saif al-Islam habe sich in der Zintan–Region unter minimalen
Sicherheitsvorkehrungen aufgehalten. Dies deute darauf hin, dass dort ein Gefühl
der Sicherheit herrschte und er tatsächlich in Sicherheit war.
„Ich habe mich bezüglich der Ermordung mit dem Kommandanten der Region
Zintan, dem Generalstaatsanwalt, dem Innenminister und dem Bürgermeister in
Verbindung gesetzt.“
Das Attentat sei ein Angriff auf die nationale Versöhnung
gewesen, die die Grundlage für Sicherheit und Stabilität bildet.
+ Salem az-Zadma, stellvertretender Premierminister der Hammad-Parallelregierung (Bengasi): Die Haltung der Warfalla- und Awlad-Solba-Stämme bei der Beisetzung des Leichnams von Saif al-Islam Muammar Gaddafi, bei der Durchführung der würdigen Trauerzeremonien und beim Empfang von Trauerdelegationen aus allen Himmelsrichtungen zeugt von der Authentizität dieser Stämme, ihres Festhaltens an den Werten der Loyalität und ihrer Übernahme der Verantwortung für die Beisetzung in Bani Walid.
+ Karin Saleh (ehemaliger Botschafter im Tschad): Die Massen, die sich versammelten, um Dr. Saif al-Islam Gaddafi die letzte Ehre zu erweisen, sandten eine Botschaft des libyschen Volkes an alle Völker der arabischen Welt und an alle Völker der Welt: Er ist nicht tot, denn er ist die Verkörperung der libyschen Revolution, durch die das libysche Volk seine Souveränität erhält.
+ Nachdem Ibrahim Dabbaschi (Präsidentschaftskandidat) mit Schadenfreude auf die Ermordung von Saif al-Islam reagierte, antwortete Ali Misbah Abu Sabiha, Leiter des Versöhnungsteams von Saif al-Islam Gaddafi, dass das Februar-Lager sein Ziel erreicht und dem Volk Schaden zugefügt habe. „Ihr habt euer Land religiös und moralisch zerstört, bevor ihr es physisch zerstört habt.“
+ Ali Zeidan (Präsidentschaftskandidat): Saif al-Islam Gaddafi war ein höflicher und respektvoller Mann. Er behandelte die Menschen, denen er begegnete, normal, respektierte die Älteren und ging auf soziale Belange ein.
+ Al-Arab
(London): Saif al-Islam Gaddafi behinderte das Projekt der Versöhnung
zwischen dem Dabaiba- und dem Haftar-Clan. Die Entscheidungsträger
in Washington und Paris streben eine Überbrückung der Kluft
zwischen Tripolis und Bengasi durch ein Abkommen an, das auf der Vereinigung
des Militärapparats und der Abhaltung von Wahlen basiert und beiden
Konfliktparteien somit ausreichend Spielraum zur Machtteilung einräumt.
Die Verschiebung der Wahlen 2021 ging auf das Konto westlicher
Hauptstädte, nachdem Meinungsumfragen deutlich gemacht hatten, dass Saif
al-Islam besser als andere für das Amt des Staatsoberhaupts qualifiziert
war. Die Länder, die den Krieg zum Sturz von Muammar Gaddafi
angeführt haben, konnten es nicht akzeptieren, dass sein Sohn
erneut die Macht ergreift.
Alles deutete darauf hin, dass Saif al-Islam die Präsidentschaftswahlen
gewonnen hätte. Die Lücke, die er hinterließ, könne von
niemanden gefüllt werden, ungeachtet seiner politischen Haltung, seiner
sozialen Stellung oder seiner öffentlichen Unterstützung.
+ Diffa News (Italien): Die Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi entfacht in Libyen erneut die Gefahr von Chaos; sie könnte das politische Gleichgewicht im Land beeinträchtigen. In Saif al-Islam sahen große Bevölkerungsgruppen die Chance auf eine vereinte Zukunft von Ost und West.
+ Die Zeitung al-Kuds
al-Arabi: Die Beerdigung von Saif al-Islam Gaddafi wurde zu
einer politischen Botschaft und spiegelte die Fähigkeit seiner
Bewegung wider, zu mobilisieren und zu organisieren, indem sie sich
auf Stammesbindungen und ein kollektives Gedächtnis stützte, das
noch nicht ausgelöscht ist. Damit wurde das Vorhandensein eines sozialen
Gewichts bestätigt, das nicht ignoriert werden kann.
Die Ermordung von Saif al-Gaddafi war ein schockierendes Ereignis auf
menschlicher und symbolischer Ebene und könnte zu einem neuen Warnsignal
für die Fragilität des Staates werden.
Es ist bittere Realität, dass Libyen weiterhin in einem Kreislauf
unkontrollierter politischer Gewalt gefangen ist, in dem Persönlichkeiten
ermordet und Fälle zu den Akten gelegt werden, ohne dass eine
Aussicht auf Gerechtigkeit oder Veränderung besteht.
+ ANF
(kurdische Nachrichtenagentur): Die gezielte Tötung von Saif al-Islam
Gaddafi erfolgte im Rahmen einer kalkulierten politischen Abrechnung
mit einer Person, die allen Anzeichen nach ein harter Konkurrent bei
Wahlen gewesen wäre.
Die zunehmende politische Aktivität von Saif al-Islam und seine Fähigkeit,
Stämme zu mobilisieren und seinen populären Einfluss auszuweiten,
stellten für viele Parteien eine direkte Bedrohung dar.
Sein Tod könnte politischen islamischen Bewegungen eine größere
Chance geben, die politische Bühne zu dominieren und die Wahlgesetze
so umzuschreiben, dass sie den Fortbestand ihres Einflusses sichern.
Saif al-Islam forderte umfassende Wahlen und die Einleitung
eines inklusiven politischen Prozesses, während andere versuchten,
diesen Prozess zu stören.
Saif al-Islam Gaddafi präsentierte sich als politische Alternative
und Symbolfigur, die Ost und West vereinen und eine Übergangsphase
gestalten konnte, wobei er sich auf eine breite Basis in der Bevölkerung
stützte, die verschiedene Gesellschaftsschichten umfasste.
+ Al-Khabar al-Arabi (ägyptische Zeitung ): Der Name Saif al-Islam Gaddafi ist in den Köpfen eines großen Teils der Libyer weiterhin stark präsent. Die Beerdigung von Saif al-Islam, die größte in der Geschichte Libyens, war nicht nur ein Abschied, sondern ein stilles Volksreferendum über Saif al-Islams Ansehen.
+ Die Zeitung North Africa
Post: Die große Teilnehmerzahl bei der Beerdigung von Saif
al-Islam Gaddafi hat das Scheitern Libyens nach der Februarrevolution
symbolisiert. Das nach der Februarrevolution entstandene Regime wird
größtenteils abgelehnt. Es bestehe der Wunsch der libyschen Bevölkerung
nach der Stabilität, die das vorherige Regime verkörperte.
Das Schweigen der Regierungen in Tripolis und der Ostregion spiegle die Existenz
zweier paralleler politischer Realitäten in Libyen wider.
+ Yassin Fawaz
(politischer Analyst): Die Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi droht,
eine gefährliche Lücke zu hinterlassen. Das Ausmaß der öffentlichen
Trauer um Saif al-Islam verdeutlicht, dass Libyens politische
Vergangenheit tief in der Gegenwart verwurzelt ist. Es beweist, dass es in
dem Konflikt nie nur um die Führung ging, sondern um den Überlebenskampf
der Staatsstruktur, die die ‚Revolution‘ demontierte, aber nicht
wieder aufbaute.
Saif al-Islam sei zunächst als international anerkannte
Reformfigur für ein Regime in Erscheinung getreten, das eine schrittweise
Wiedereingliederung in die globale Diplomatie anstrebte, bevor er zu einer politischen
Figur wurde, die trotz Inhaftierung, Isolation und politischem
Ausschluss ihre symbolische Legitimität bewahren konnte.
Der Name Saif al-Islam sei mit Wirtschaftsreformen, politischem
Dialog und Modernisierungspolitik in Verbindung gebracht worden, die
die Möglichkeit eines Wandels ohne Zusammenbruch des Staates nahelegten.
Saif al-Islam verkörperte die Möglichkeit, Libyens zentrale Institutionen zu
erhalten und gleichzeitig seine politische Struktur schrittweise zu
modernisieren. Er verkörperte, was weder die östliche
Militärmacht noch die westliche Bürokratie nachahmen konnten: eine symbolische
Kontinuität unter einer zentralen nationalen Führung.
Diese symbolische Legitimität habe Saif al-Islam nicht nur zu
einer historischen Figur gemacht, sondern auch zu einem einflussreichen
Wahlfaktor in einer ohnehin schon zersplitterten politischen Landschaft.
Der Ausschluss von Saif al-Islam aus der politischen Arena birgt die Gefahr,
Teile der Bevölkerung zu verprellen, für die seine Kandidatur die
einzig mögliche politische Vertretung darstellte.
+ Saad ad-Dinali (Analyst): Die Beseitigung von Saif al-Islam erfolgte ausschließlich durch ausländische Mächte, die nach wirtschaftlicher und politischer Vorherrschaft über Libyen streben. Saif al-Islam stellte für sie eine Gefahr dar, die beseitigt werden musste, da sie ihrer Ansicht nach ihre zukünftigen Interessen bedroht.
+ Ibrahim Belkacem (Politologe): Die Behauptung, Saif al-Islam sei vor den Wahlen im Dezember 2021 eine umstrittene Figur gewesen, ist falsch. Haftar und Dabaiba waren zu dieser Zeit die umstrittensten Persönlichkeiten. Die Wahlen wurden durch die komplexen Gesetze behindert, die nur dazu bestimmt waren, sie gar nicht erst stattfinden zu lassen. Saif al-Islam wurde zu einem Symbol und einem politischen Führer. Seine Ermordung verändert die Machtverhältnisse in Libyen.
+ Abdullah
al-Kebir (Politologe): Saif al-Islam Gaddafi war sehr beliebt
und genoss schon 2021 die Unterstützung verschiedener
Bevölkerungsgruppen. Saif al-Islam stellte eine politische Bedrohung
für alle Parteien in Libyen dar, und wenn 2021 Präsidentschaftswahlen
abgehalten worden wären, hätte er höchstwahrscheinlich gewonnen.
Die Anhänger des ehemaligen Regimes sind zahlreich und nicht
zu unterschätzen; genau dies hat die für 2021 geplanten Wahlen auf Geheiß
der Amerikaner und Briten verhindert.
Saif al-Islam verkörperte die Hoffnung auf die Rückkehr von
Stabilität und des Lebensstandards, den die Libyer unter dem
vorherigen Regime genossen, bevor Libyen gespalten und in Milizen
zersplittert wurde. Saif al-Islam war der Einzige, der im Gegensatz
zu allen anderen politischen Gruppierungen in Libyen keine bewaffnete Miliz
besaß.
+ Nasser Ammar
(Kommandeur der Unterstützungstruppe der Operation Vulkan des Zorns):
Mit dem Märtyrertod von Dr. Saif al-Islam Muammar Gaddafi sind alle
Projekte zur libyschen Souveränität gescheitert.
Nasser Ammar:
„Saif al-Islam war die Wahl des Volkes. Saif wurde zum Märtyrer,
aber das Volk bleibt. Welche Legitimität wollt ihr ohne das Volk
wiederherstellen?“
+ Abdulhamid Issa Khader (Anführer in Misrata): Als Brigadegeneral Adschami al-Ateiri vorgeladen und aufgefordert wurde, den Leichnam des ermordeten Saif al-Islam Gaddafi zu übergeben, sagte er: „Haben sie dir nicht beigebracht, dass kein Libyer einen Libyer ausliefert?“
+ Said Wanis
(Sicherheitskomitee des Staatsrats): Die Ermordung von Saif
al-Islam Gaddafi hat politische Implikationen. Die von Saif al-Islam
angeführte politische Bewegung würde, wenn sie eine überzeugende dritte
Alternative für die Staatsführung fände, eine, die transparenter,
patriotischer und weniger mit ausländischen Mächten verbunden wäre, eine beispiellose
Unterstützung in der Bevölkerung erfahren.
Die im Osten und Westen Libyens umgesetzten Modelle sind für die
libysche Bevölkerung unbefriedigend.
+ Ibrahim Garada
(Beratungsausschuss): Alle libyschen und internationalen Akteure benötigen Zeit,
um die aktuellen Entwicklungen zu verstehen. Daher ist es wahrscheinlich,
dass der Wahltermin nach der Ermordung von Saif al-Islam verschoben
wird, da der libysche Staat nach wie vor ein Verhandlungsfeld zwischen
bewaffneten Gruppen, Verwaltungsnetzwerken und internationalem
Einfluss ist und die Abwesenheit von Saif al-Islam jeden auf
unterschiedliche Weise betrifft.
Nationale Versöhnung erfordert politische, wirtschaftliche und
soziale Versöhnung. Saif al-Islam war der Einzige, der in der
Lage war, das gesamte ehemalige Regime zu vertreten; jetzt weiß
niemand mehr, wer mit wem sprechen soll. Er repräsentierte einen verhandlungsfähigen
Block.
+ Ali at-Tayyar ar-Rayani (Aktivist): Muammar Gaddafi verließ diese Welt und hinterließ weder Farmen, noch Resorts, noch Paläste oder Bankkonten im In- oder Ausland, aber er hinterließ lokale, arabische und internationale Standpunkte.
+ Maher Gaida (tunesischer Aktivist): Die Ermordung von Saif al-Islam Muammar Gaddafi war ein politisches Attentat par excellence und erfolgte im Kontext widerstreitender politischer Interessen, sowohl im Inland als auch im Ausland. Neben Großbritannien und Russland haben auch mehrere andere Länder, wie USA, Frankreich und Italien, Interessen in Libyen, insbesondere im Öl- und Gassektor. Diese Länder wollen weder Stabilität noch eine Vereinigung noch die Wiederherstellung der libyschen Souveränität.
+ Kamal Ben Younes
(tunesischer Journalist): Saif al-Islam eröffnete Kanäle für den Dialog mit
den Gegnern des Regimes außerhalb des Landes, um das Konzept Libyen
von morgen als reformorientierte und institutionelle Option
darzustellen, die nationale Konstanten mit den Erfordernissen der Moderne
in Einklang bringt.
Die Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi und sein endgültiges
Verschwinden von der politischen Bühne waren nicht nur ein
sicherheitspolitisches oder politisches Ereignis, sondern vielmehr der Ausschluss
eines Reformprojekts, das versucht hatte, Nationalisten,
Islamisten und Modernisten zu versöhnen.
„Ich habe Saif al-Islam und seinen Vater viele Male getroffen
und festgestellt, dass die meisten der Entscheidungsträger in Libyen und im
Ausland auf eine „Reform von innen heraus“ setzten, bei der Saif
al-Islam Gaddafi und seine globalen Wohltätigkeitsprojekte sowie Libyen
von morgen eine wichtige Rolle spielen würden.
Saif al-Islam Gaddafi entwickelte sich vor 2011 zu einer der
einflussreichsten Persönlichkeiten der libyschen Politikszene und zum Träger
eines ehrgeizigen Reformprojekts, das ein anderes Bild des damals
bestehenden politischen Systems vermitteln sollte.
Saif al-Islam und seinem Team war es gelungen, große Gruppen
ehemaliger Gegner des herrschenden Regimes in Tripolis zurückzubringen und
eine Versöhnung mit ihnen zu erreichen. Die Initiative Libyen
von morgen galt damals als einer der prominentesten Versuche,
schrittweise Reformen in der Struktur des libyschen Staates einzuführen.
Das Konzept war eine integrierte Vision zur Modernisierung von Verwaltung,
Wirtschaft und Medien, mit dem Ziel, Libyens Image im Ausland nach
Jahren der internationalen Isolation zu verbessern.
Während dieser Zeit galt Saif al-Islam als Stimme, die innerhalb des
Regimes Reformen forderte, da er bei mehreren Gelegenheiten über die Notwendigkeit
sprach, die Korruption zu bekämpfen, die Gesetze zu modernisieren
und mehr Raum für Meinungsfreiheit zu schaffen. Neben seinen politischen
und medialen Aktivitäten spielte Saif al-Islam auch eine bedeutende Rolle
als Vorsitzender einer Wohltätigkeitsstiftung mit internationalem Charakter.
Diese Rolle trug dazu bei, ihn als eine Persönlichkeit darzustellen, die in Bereichen
agiert, die über die traditionelle Politik hinausgehen, da die Stiftung
an humanitären Initiativen innerhalb und außerhalb Libyens teilnahm.
Die Organisation hat sich durch ihre humanitären
Vermittlungsbemühungen hervorgetan, indem sie sich an Verhandlungen zur
Freilassung von Geiseln in Konfliktgebieten beteiligte und darüber hinaus Entwicklungs-
und Sozialprojekte unterstützte. Diese Aktivitäten verschafften Saif
al-Islam eine bemerkenswerte Präsenz in internationalen Kreisen und
trugen zum Aufbau eines Netzwerks von Beziehungen zu politischen
Persönlichkeiten und Nichtregierungsorganisationen in Europa und Afrika
bei.
Beobachter waren der Ansicht, dass die Wohltätigkeitsarbeit ein Mittel
sei, sein internationales Ansehen zu steigern und ihn auf eine
größere politische Rolle in der Zukunft vorzubereiten.
Saif al-Islam wurde sowohl im Inland als auch international
als potenzieller Reformer innerhalb der herrschenden Struktur wahrgenommen.
Saif al-Islam schien dem Westen gegenüber offener zu sein und
besser in der Lage, die internationale Gemeinschaft in einer zeitgemäßen
politischen Sprache anzusprechen. Dieser Eindruck wurde durch seine Medienpräsenz,
seine akademischen Studien und seine Beziehungen zu europäischen
Forschungszentren und politischen Persönlichkeiten verstärkt. Einige
Analysen legten nahe, dass er ein natürlicher Kandidat sein könnte, um
eine neue Phase in Libyen einzuleiten, die auf einer Mischung aus
Kontinuität und Wandel basiert.
Die Ermordung von Saif al-Islam in einem als sicher geltenden Haus
bestätigte das Bestehen eines „breiten Konsenses zur Beendigung der Ära von
Gaddafis Gefolge und seiner Familie“. Das Verbrechen ereignete sich wenige
Tage nach wichtigen wirtschaftlichen, militärischen und politischen Maßnahmen
und Abkommen, die von us-amerikanischen und westlichen Beamten in
Tripolis und Bengasi geschlossen wurden.
Die Bewertung dieser Ereignisse wird weiterhin Gegenstand von Debatten
sein. In den letzten Jahren der Herrschaft Gaddafis sah sich Saif
al-Islam zunehmender Kritik aus den Sicherheits-, Militär- und politischen
Kreisen nahe dem Machtzentrum ausgesetzt. Einige dieser Parteien betrachteten
seinen reformorientierten Diskurs und seine Offenheit gegenüber Gegnern,
Intellektuellen und Absolventen westlicher und arabischer Universitäten mit
Misstrauen. Dieses System zielte darauf ab, seinen Einfluss
einzuschränken und die Rollen einiger seiner Brüder zu stärken, die
als dem Sicherheitsapparat näherstehend und weniger aufgeschlossen
gegenüber politischen Veränderungskonzepten galten.
A. Gutsche
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