Saif al-Islam Muammar Gaddafi – warum wurde er ermordet und warum gerade jetzt?
Der palästinensische Journalist und
Chefredakteur von Rai l-Yum, Abdel Bari Atwan, berichtet über seine Treffen
sowohl mit Oberst Muammar Gaddafi als auch mit Saif al-Islam Gaddafi.
Es bleibt die Frage, wer hinter dem mörderischen Verbrechen steckt und wie es
zukünftig in Libyen weitergehen könnte
Abdel Bari Atwan:
„Die Ermordung von Saif
al-Islam Gaddafi war für mich nicht überraschend. Überraschend war jedoch, dass
es angesichts des Chaos und der Spaltung in Libyen über zehn Jahre gedauert
hat.
Libyen befindet sich seit dem Ausbruch der sogenannten ‚Revolution‘ im Februar
2011 in einem Zustand des Chaos. Diese ‚Revolution‘ wurde von den USA unter der
Führung von Hillary Clinton geplant und ausgeführt, von der NATO unterstützt
und umgesetzt und unter Beteiligung zahlreicher europäischer und arabischer
Länder durchgeführt.
Ich habe den Märtyrer Oberst Muammar Gaddafi dreimal in seinem bescheidenen
Haus auf dem Militärstützpunkt Aziziyah getroffen, einmal für eine
Veröffentlichung und die anderen Male für direkte bilaterale Gespräche über die
Lage in der arabischen Region.
Ich traf den Märtyrer Saif al-Islam mehrmals, jedes Mal in seinem bescheidenen
Haus in der britischen Hauptstadt, als er sich auf seine Doktorarbeit
vorbereitete. Der verstorbene Märtyrer war sehr bescheiden und ging zu Fuß. Er
besaß weder ein gepanzertes Fahrzeug, noch eine Schar von Wachen und Eskorten.
Saif al-Islams einziges Anliegen war die Reform seines Landes, dessen
politische und wirtschaftliche Öffnung, die Veränderung der Struktur und der
Grundlagen des Regimes, die Schaffung eines menschenwürdigen Lebens für seine
Bürger und der Aufbau einer Infrastruktur.
Er pflegte zu sagen, dass er sich für die Rückständigkeit des Bildungssystems,
der öffentlichen Dienste und insbesondere der medizinischen Versorgung schäme.
Saif al-Islam fragte sich: „Ist es nicht beschämend, dass libysche Patienten
zur Behandlung in Krankenhäuser im Ausland, ins benachbarte Ägypten und
Tunesien und in geringerem Maße auch nach Jordanien, reisen müssen?“
Der Vollständigkeit halber sei angemerkt: Saif al-Islam war mit den meisten
politischen Maßnahmen seines Vaters unzufrieden, insbesondere mit den von
seinem Regime eingeführten sogenannten Volkskomitees. Er betonte, dass er sich
darauf freue, eine technokratische Regierung zu bilden, die mit Entwicklung und
Reform beauftragt sei und deren Minister spezialisierte wissenschaftliche
Experten sein würden. Ich persönlich unterstützte diese Forderungen und drängte
ihn, sie so schnell wie möglich in die Tat umzusetzen.
Einmal bat er mich, ihm bei einer Reise nach Tripolis zu begleiten, um seinen
Vater zu treffen und ihn von diesen Ideen zu überzeugen. Ich zögerte (mein
letzter Besuch in Libyen war 1999), weil ich überzeugt war, dass Oberst Gaddafi
von seiner Regierungsmethode nicht abrücken würde und dass er auf dem richtigen
Weg war.
Zur Erinnerung: Der Märtyrer Saif al-Islam war es, der sich für die nationale
Versöhnung einsetzte, Kanäle zur Opposition öffnete, die Entscheidung zur
Generalamnestie unterstützte und (teilweise) versuchte, die Medien
weiterzuentwickeln und Raum für Meinungsfreiheit zu schaffen.
Der Märtyrer Saif al-Islam war es, der die Freilassung des bulgarischen
Ärzteteams, bestehend aus 5 Krankenschwestern und einem Arzt, anstrebte, die
beschuldigt wurden, libyschen Kindern im Allgemeinen Krankenhaus von Bengasi
das „AIDS“-Virus injiziert zu haben, um die Belagerung und die Sanktionen gegen
Libyen aufzuheben.
Der Märtyrer Saif al-Islam half dabei, andere, schwerwiegendere Sanktionen
aufzuheben, die gegen Libyen verhängt worden waren, weil es fälschlicherweise
beschuldigt wurde, für das Lockerbie-Attentat verantwortlich zu sein.
Abdulrahman Schalqam [libyscher UN-Gesandter und Außenminister] erklärte mir
persönlich, dass Libyen bei diesem Bombenanschlag absolut keine Rolle spielte.
Heute ist die entscheidende Frage, wer hinter dem gegen Saif al-Islam verübten
Attentat und seiner Ausführung stand und warum gerade jetzt?
Wir müssen die Partei oder die Parteien ausfindig machen, die von diesem
Verbrechen profitieren.
Fest steht, dass es die regierenden Parteien sind, die es versäumt haben,
Sicherheit, Stabilität, Wohlstand und ein menschenwürdiges Leben für das
libysche Volk zu gewährleisten.
Auch externe Akteure stehen hinter dem Plan, der darauf abzielt, alle
arabischen Länder zu spalten und ihre territoriale und volkswirtschaftliche
Einheit zu zersplittern. Dieser Plan wurde umgesetzt, indem diese Länder,
insbesondere Libyen, gezwungen wurden, ihre nationalen, arabischen und
islamischen Verpflichtungen zur Unterstützung der palästinensischen Sache
aufzugeben und sich dem Abraham-Abkommen anzuschließen. In Übereinstimmung mit
den Forderungen Israels führen die USA dieses teuflische Komplott an.
Der Märtyrer Muammar Gaddafi bezahlte mit seinem Leben für seine Unterstützung
der palästinensischen Sache, für die Konfrontation mit westlichen
Kolonialplänen auf dem afrikanischen Kontinent und für die Kriegserklärung an
die Vorherrschaft des US-Dollars durch die Ausgabe des goldgedeckten
afrikanischen Dinars.
Sein Sohn Saif al-Islam zahlte jetzt den Preis für seine ehrenhafte Haltung;
dazu kommt die zunehmenden Frustration des libyschen Volkes gegenüber seinen
neuen Herrschern im Osten und Westen.
Die neuen Machthaber Libyens sind die größten Nutznießer der Ermordung von Saif
al-Islam Gaddafi. Sie dient dazu, ihr Versagen zu vertuschen und den Aufstieg
der Alternative zu verhindern, nach der sich das libysche Volk sehnt.
Die USA, Israel und ihre Gesandten in Afrika, Libanon, Syrien und Irak stehen
daher hinter diesem Verbrechen, und es wird keine unparteiischen Ermittlungen
geben, um die Täter zu überführen.
Gott sei den beiden Märtyrern Gaddafi, dem Vater und seinem Sohn gnädig. Beide
weigerten sich, Libyen zu verlassen und kämpften bis zum letzten Augenblick
mutig und tapfer, trotz der vielen Angebote, die sie in dieser Hinsicht
erhielten.
Dieses Attentat verdeutlicht mehr als alles andere das wahre Ausmaß des
sicherheitspolitischen und moralischen Zusammenbruch Libyens. Es könnte der
Beginn des Wandels sein, den sich das libysche Volk erhofft.“
A. Gutsche
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