Kurznachrichten Libyen vom 12. bis 18. März 2026 – Teil I
Bani Walid 6.2.2026
Vor 40 Tagen wurde Saif al-Islam Muammar Gaddafi ermordet
Teil I der wöchentlichen Kurznachrichten
befasst sich mit Trauerbekundungen für Saif al-Islam Gaddafi, den Forderungen
nach Festnahme der Tatverdächtigen und Offenlegung der Umstände des Mordes und
aller Tatbeteiligten. Stellungnahme von Aisha Gaddafi.
Der Versöhnungsprozess wurde eingefroren; an Saif al-Islam Gaddafis
Zukunftsprojekt wird festgehalten.
Der Autor Mustafa all-Fituri berichtet über sein letztes Treffen mit Saif
al-Islam und seine Beerdigung in Bani Walid.
Teil II widmet sich den weiteren politischen
Geschehnissen in Libyen.
Gedenken an Saif al-Islam Gaddafi 40 Tage nach seiner Ermordung
+ Bilder von einer Koranrezitation in Sirte zum Gedenken an den ermordeten Saif al-Islam Muammar Gaddafi in der Nacht des 27. Ramadan.
+ Bani Walid will anlässlich des 40. Todestages von Saif al-Islam Gaddafi eine Gedenkveranstaltung durchführen. Diese soll aber bis nach Ende des Ramadan verschoben werden.
+ Der Autor Abdul Salam Salama schlägt vor, den Flughafen von Bani Walid nach dem Märtyrer Saif al-Islam Muammar Gaddafi zu benennen, um ihm eine letzte Ehre zu erweisen.
+ Brigadegeneral Adschami al-Ateiri: Sie konnten sich Saif al-Islam nicht direkt entgegenstellen, also wählten sie den Verrat, weil sie Feiglinge und Söldner sind. Doch Gottes Wille wird sie entlarven, und sie werden ihre Strafe erhalten.
+ Am 40. Tag nach der Ermordung
von Saif al-Islam Gaddafi erklärte die Familie Gaddafi: „Saif al-Islam war
nicht nur eine politische Figur, sondern ein Symbol der nationalen
Hoffnung, das im Gewissen jedes ehrenwerten Menschen gegenwärtig
bleibt. Dieses heimtückische Verbrechen erschüttert das Gewissen der
Nation und bricht die Herzen von Millionen ihrer Bürger.
Ein abscheuliches Verbrechen richtete sich gegen einen Mann, der
ein nationales Projekt und eine Hoffnung in sich trug, an die sich
die Libyer klammerten, um aus dem dunklen Tunnel der Februar-Geschehnisse
herauszukommen.
Millionen Menschen nahmen an der Beerdigung des Märtyrers in
einer feierlichen Zeremonie teil, die die hohe Wertschätzung
widerspiegelte, die er in den Herzen der Bevölkerung genoss.
Die Tragödie setze jeglichen Gesprächen über nationale Versöhnung
solange ein Ende, bis die volle Wahrheit ans Licht kommt und Gerechtigkeit
geübt wird.
Aisha al-Gaddafi fordert Festnahme der Tatverdächtigen
+ Aisha al-Gaddafi, Schwester von Saif al-Islam
Gaddafi, forderte die sofortige Festnahme der Auftragsmörder
ihres Bruders sowie die Offenlegung der Ermittlungsergebnisse.
Aisha al-Gaddafi: „Saif al-Islam al-Gaddafi, Märtyrer des
Vaterlandes, ist nicht nur der Sohn unserer Familie, sondern der Sohn aller
libyschen Stämme. Es ist das Recht seiner Familie ebenso wie das Recht
des libyschen Volkes, den Stand der Ermittlungen in einem Verbrechen
von nationaler Tragweite zu erfahren.“
Nach langem Warten sei in den sozialen Netzwerken ein Beitrag
erschienen, in dem Fahrzeuge, Kontakte, Treffen und die Identität der
Auftragsmörder offengelegt wurden, ohne jedoch die ganze Wahrheit zu
berichten.
„Der Bürger, der eine Rettungsleine für das Vaterland war… Der Bürger,
der an uns glaubte… Der Bürger, Sohn und Märtyrer des
Vaterlandes…
Ich streite nicht ab, dass sich die Justizbehörden bemühen, und dafür
sei ihnen Dank geschuldet. Allerdings sind die Verlautbarungen
der Staatsanwaltschaft unvollständig angesichts meiner Frage und der
von Millionen Libyern: Warum wurden die Täter bis heute nicht festgenommen?
Worauf warten die zuständigen Justizbehörden?
Wir haben keine Milizen […] und wir haben keine Banden, die
Menschen entführen und sie mit Eisenketten fesseln. Wir haben uns
an das Gesetz gewandt, das ich studiert und respektiert habe, in der Hoffnung,
dass es sich seinen Weg bahnt; doch wenn die Grundlage der
Gerechtigkeit wankt, wer wird dann die Strafe vollstrecken?
Im Namen des Gesetzes fordern wir die sofortige Verhaftung der
Auftragsmörder und die Veröffentlichung der Ermittlungen. Es ist das Recht
der Millionen von Menschen, die Wahrheit darüber zu erfahren, wer
dahintersteckt, wer die Anschläge geplant und finanziert, wer die Täter
gekauft hat.
Eine Nation fand sich millionenfach bei der Beerdigung zusammen,
die einem Volksentscheid glich… dies ist die Wahrheit. Lasst eure
Stimme heute deutlich hören, denn die Wahrheit kann nicht gehört werden,
wenn geschwiegen wird… und Gerechtigkeit gibt es erst dann, wenn
die Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden.“
+ Das Einsatzteam von Saif al-Islam Muammar
al-Gaddafi bekundete seine Unterstützung für die Erklärung von Aisha
al-Gaddafi, in der die sofortige Festnahme der Mörder gefordert
wird. Es forderte den Generalstaatsanwalt auf, alle Umstände
der Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi offenzulegen.
„Die anhaltende Ungewissheit lässt sich nur als Mittäterschaft
durch Schweigen oder als unverzeihliches Versagen deuten. Wo stehen
die Ermittlungen? Oder wurde die Wahrheit absichtlich verschwiegen?
Und wer hat die Dreistigkeit, die Justiz ganz offen zu
behindern?
[…] Wir fordern, dass alle an der Vertuschung Beteiligten oder
Mittäter zur Rechenschaft gezogen werden, ungeachtet ihres Einflusses
oder ihrer Position. Entweder Sie übernehmen Ihre Verantwortung
vollumfänglich und offenbaren die Wahrheit, oder Sie werden die Konsequenzen
dieses lauten Schweigens vor der gesamten Nation tragen müssen.“
+ Die Nationale Volksbewegung für Saif al-Islam Muammar Gaddafi
unterstützte die Erklärung von Aisha Gaddafi, in der sie die sofortige
Verhaftung der Mörder und die Offenlegung der Umstände des Mordes
fordert.
Die Öffentlichkeit müsse über den Fortgang der Ermittlungen informiert
werden, da es sich um einen politischen Mordanschlag auf den beliebtesten
und aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten handelte.
+ Der Jugendverband Gharyan unterstützte die Aussage von Aisha Gaddafi. Die Aufklärung des Mordes an Dr. Saif al-Islam Muammar Gaddafi und die Offenlegung der Umstände seines Todes seien ein entscheidender Schritt zur Stärkung der nationalen Justiz und zur Wiederherstellung des Vertrauens aller Bürger in die staatlichen Institutionen.
+ Die Fessan-Frauenorganisation erklärte ihre Unterstützung für die Forderung von Aisha Gaddafi. In jeder libyschen Familie werde die Frage gestellt, warum die mutmaßlichen Mörder noch nicht verhaftet sind. „Fürchten sie die Aufdeckung der im Dunkeln gesponnenen Fäden, die der größeren Zerstörung zugrunde liegen?“
+ Die Konferenz der zivilgesellschaftlichen Institutionen im Fessan unterstützte die Erklärung von Aisha Gaddafi, in der sie die sofortige Verhaftung der Mörder von Saif al-Islam Muammar Gaddafi und die Offenlegung der Umstände fordert. Saifs Popularität wurzle in einer tiefen Tradition der Verbundenheit mit dem Volk. Diese Basis sei eine lebendige Strömung, die beobachte, nachdenke und abwarte.
+ Der Jugendverband des Gaddafi-Stammes unterstützte
die Erklärung von Aisha Gaddafi.
Es genüge nicht, nur die Täter zu entlarven; vielmehr muss das Netzwerk
der Anstifter und Unterstützer ins Visier genommen werden, denn sie sind
die Drahtzieher hinter diesem Verbrechen.
+ Laut dem Blogger Anas az-Zaidani geht die Untätigkeit
bei der Festnahme der mutmaßlichen Mörder von Saif al-Islam
Gaddafi auf den Innenminister Imad at-Trabelsi zurück.
Die Staatsanwaltschaft habe at-Trabelsi die Haftbefehle
übermittelt, ihre Namen mit Fotos, die Orte ihrer Treffen
und Aufenthaltsorte sowie die verwendeten Fahrzeuge, ebenso wie
die Orte, an denen die Maskierung beschafft wurde.
Trabelsi müsse sich der Fragen stellen: Warum wurden die ihm
bekannten Mörder nicht verhaftet? Steht er unter internationalem,
Stammes- oder Stadtdruck?
Sollte er nicht Stellung nehmen, müsse er den Fall abgeben.
Die Verantwortung liege bei jedem, der versuche, diese Sache zu vertuschen.
„Sie wissen, dass Saif al-Islams Mörder aus ihrer Stadt stammen und sie
kennen sie.“
„Sollte diese Missachtung anhalten, werden ihre Namen und Bilder ans
Licht kommen, selbst wenn dies zu Stammeskriegen führen sollte.“
Versöhnungsprozess bis zur vollständigen Aufklärung des Mordes eingefroren
+ Die Familie Gaddafi erklärte ihre Unterstützung der libyschen Stämme, Gruppierungen und sozialen Räte bei deren Ankündigung, den Versöhnungsprozess einzufrieren und alle entsprechenden Bemühungen auszusetzen, bis die Umstände der Ermordung von Saif al-Islam Muammar Gaddafi vollständig aufgeklärt sind.
+ Das Western Mountain Youth Gathering unterstützte
die Erklärung der Stämme der westlichen, südlichen und zentralen Regionen,
den Versöhnungsprozess einzufrieren, bis die Wahrheit ans Licht kommt
und die Verantwortlichen für die Ermordung des verstorbenen Saif al-Islam Gaddafi
zur Rechenschaft gezogen werden.
Betont wird die Notwendigkeit der Fortsetzung der justiziellen
und sicherheitspolitischen Zusammenarbeit, um sicherzustellen, dass die Gesuchten
ohne Verzögerung vor Gericht gestellt werden. Die Aufdeckung der Wahrheit
und die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen blieben die Grundlage
jedes Versöhnungsprozesses.
Festhalten am Zukunftsprojekt von Saif al-Islam Gaddafi
+ Das Team von Saif al-Islam Muammar al-Gaddafi: Saif
al-Islam Muammar al-Gaddafi war die Hoffnung auf die Wiederherstellung
von Freiheit, Stabilität und Sicherheit, auf einen Neuanfang und die
Einigung aller durch eine umfassende nationale Versöhnung
zwischen den verschiedenen Teilen der traditionsreichen libyschen
Gesellschaft; eine Hoffnung auf die Wiederherstellung des
Ansehens des Vaterlandes, auf die Vertreibung der Agenten und Verräter
sowie ihrer ausländischen Stützpunkte.
Der Geist von Saif al-Islam lebe weiter in den Herzen aller
freien und ehrenhaften Libyer, und sein großes nationales Projekt zur
Rückeroberung des Vaterlandes sei eine Verpflichtung für alle freien,
ehrenhaften und treuen Menschen, die um ihr Vaterland fürchten.
+ Abdullah Othman, Mitglied des politischen
Teams von Saif al-Islam Gaddafi: Der eigentliche Verlust ist
nicht der Verlust von Saif al-Islam als Person, sondern der Verlust des
Rettungsprojekts – dieses hätte wahr werden können, seine Realisierung
aber wurde verweigert.
Das wahre Projekt sei nicht gestorben, sondern
nur verschoben.
+ Khaled al-Ghawil (Berater der Libyschen Stammesunion): Das Projekt wird fortgesetzt, um die von Dr. Saif al-Islam gesäte Hoffnung zu verwirklichen.
+ Mohammed al-Asmar: Das Projekt der nationalen
Versöhnung wurde von Saif al-Islam Gaddafi 2017 ins Leben gerufen.
Er arbeitete hart daran, die Grundlagen und Prinzipien der nationalen
Versöhnung unter den Libyern zu etablieren und zu festigen.
Es wurde ein integratives Projekt vorgestellt, mit dem sich alle
Teile der Unterstützer des Dschamahiriya-Systems befassten, um die Nation
voranzubringen, um sie zu vereinen, um die politische Stabilität
zu festigen sowie mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Allerdings
blieb die Gegenseite Ergebnisse schuldig.
Im Versöhnungsprozess gab es ein weiteres Dilemma. Die Februarbewegung
habe sich in verschiedene Fraktionen gespalten, und es bedürfe beträchtlicher
Anstrengungen, diese zu vereinen. Saif al-Islam präsentierte sogar
eine Vision für eine Versöhnung unter den ehemaligen Anhängern
der Februarbewegung.
Die derzeitige Führung der Februarbewegung verfüge über Macht,
Waffen und Geld. Allerdings seien deren Anhänger gespalten und töteten,
beschuldigten, entführten und grenzten sich gegenseitig aus.
„Wir beteiligten uns am Versöhnungskomitee des Strukturierten Dialogs,
und alle Teilnehmer lobten die von uns und Saif al-Islam
in diesem Zusammenhang eingereichten Projekte und Vorschläge.“
Zwar vertraue man der Justiz und ihren Ermittlungen zum Verbrechen der Ermordung
von Saif al-Islam Gaddafi, doch alle derzeit regierenden Politiker trügen
die politische Verantwortung für seine Ermordung. Im Gefängnis
säßen Menschen ohne Anklageerhebung, deren Unschuld unbestreitbar
sei. Es gebe den Prozess gegen Abdullah as-Senussi, ein Prozess,
der seit 14 Jahren immer wieder verschoben wird, und auch andere
Fälle wie den von Ahmed Ibrahim, Mansour Dau und weiteren.
Saif al-Islam sei wegen seines Projekts zur Verteidigung des
Volkes und dessen Rechte getötet worden, weil er auf die Dynamik
der Bevölkerung setzte. Das Projekt, für das Tausende Libyer,
darunter ihr Märtyrerbruder Saif al-Islam Gaddafi, gekämpft haben, bestehe
und werde auch in Zukunft bestehen bleiben. Es gehöre der
Öffentlichkeit, und niemand könne die Leitung beanspruchen.
Das Projekt der nationalen Souveränität sei eng mit der Versöhnung
verbunden und dürfe unter keinen Umständen gefährdet werden.
Mustafa al-Fituri über die Beerdigung von Saif al-Islam und über sein letztes Treffen mit ihm in der saharischen Wüste
+ Mustafa Fituri berichtete
in einem lesenswerten Artikel im New Lines Magazine über
sein letztes Treffen mit Saif al-Islam Gaddafi in der libyschen Sahara
und über seine Beteiligung an dessen Beerdigung in Bani Walid:
„Als ich am 6. Februar die nördliche Zufahrt von Bani Walid
erreichte, hatte sich die Stadt verändert. Oberhalb der Straße prangte eine
riesige Plakatwand mit Bildnissen der Märtyrer: Muammar Gaddafi, Saddam Hussein
und Saifs Brüder Khamis und Mutassim. In Bani Walid, ihrer Hochburg, sind dies Ikonen
des Widerstands. Die Luft war erfüllt mit dem kollektiven Atem von
Zehntausenden. In einem Land, in dem die ‚grüne“ Identität‘ seit
15 Jahren unterdrückt wird, war dies mehr als eine Beerdigung; es
war ein massives, stilles Referendum.
Die Janaza (Begräbnisgottesdienst und Gebet) wurde am Flughafen Bani
Walid durchgeführt – der einzige Platz, der für die vielen Teilnehmer
groß genug war. Danach bewegte sich eine sechs Meilen lange Karawane,
gehüllt in Staub und Trotz, durch das zerklüftete Tal in Richtung
al-Manasla-Friedhof. Dies ist ein heiliger Boden, auf dem sich
das Grab von Saifs Urgroßvater befindet. Obwohl die Behörden die Menschenmassen
aufforderten, sich aufzulösen, drängten Hunderte an den Rand
des Tals, indem sich die Gräber befinden.“
+ Mustafa al-Fituri (Autor): „Ich sah, wie sich
al-Adschami al-Ateiri zu Boden kniete, um den Leichnam entgegenzunehmen,
während ihm einer der Anwesenden zuflüsterte: „Begrabe ihn, Adschami,
begrabe den ‚Februar‘ in seiner letzten Ruhestätte.“
Die internationale Gemeinschaft mag mit ‚organisierten Dialogen‘
beschäftigt sein, aber die Realität Libyens ist hier, im Staub
des Friedhofs des Völkermords.
Während grüne Fahnen in der kalten Luft wehten und Saif al-Islam in
Frieden ruht, strauchelt Libyen. Die zügige Ausstellung von
Haftbefehlen gegen drei Verdächtige durch den Generalstaatsanwalt ist
angesichts des im libyschen Polizeisystem herrschenden Chaos eine bemerkenswerte
Leistung. Der Status des Opfers ist erstmals zu hoch, als
dass der Staat den Fall einfach ignorieren kann.“
A. Gutsche
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen