Beteiligung offizieller Stellen am Menschenschmuggel
Libyen. Die
Expertenkommission der UN für Libyen stellt fest, dass die meisten libyschen
Milizen, die am Menschenschmuggel beteiligt sind, zu offiziellen staatlichen
Institutionen gehören, die für die Sicherheit verantwortlich sein sollten.
Es ist vor allem die Special
Deterrence Force SDF (ehemals Rada-Miliz, unter Führung von Abdel Rauf Kara)
aus Tripolis im Visier der Kommission, gegen die auch beim Thema Menschenrechtsverletzungen
schwere Anschuldigungen erhoben werden.[1]
Die SDF ist berüchtigt für
Entführungen und illegale Gefangennahmen, sowohl von Libyern als auch von
Ausländern, und arbeitet mit terroristischen Organisationen zusammen. In ihrem ohne
jede gesetzliche Grundlage betriebenen Gefängnis auf dem Gebiet des
Mitiga-Flughafens bei Tripolis werden geschätzt 1.500 Häftlinge illegal
festgehalten.
Die SDF-Miliz bekennt sich zur ‚Einheitsregierung‘ in
Tripolis, die international anerkannt, von EU, UN und den USA unterstützt wird.
Sie untersteht offiziell deren Innenministerium, in dessen Namen sie polizeiliche
und Sicherheitsfunktionen ausüben sollte. Im Grunde bedeutet dies: Das illegale
Gefängnis am Metiga-Flughafen ist de facto ein Gefängnis der
‚Einheitsregierung‘, in dem laut Zeugenaussagen gefoltert und den Gefangenen die
medizinische Versorgung vorenthalten wird. Gefängniskommandanten, namentlich
werden Khaled al Buti und Mahmud Hamza genannt, werden beschuldigt, direkt an
Folterungen beteiligt gewesen zu sein.
Zu den offiziellen Aufgaben der SDF-Miliz sollte auch gehören, gegen Menschenschmuggel vorzugehen
und Migranten zu internieren. Laut Berichten funktioniert dies in der Praxis
so: Kommen die Migranten in Tripolis an, werden sie zunächst von der SDF-Miliz
inhaftiert, anschließend aber gegen Bezahlung an Schmugglerringe übergeben, die
die Migranten nach Zawija oder Sabrata bringen, von wo aus sie die Überfahrt
nach Italien antreten.
Einige Migranten landen auch im Mitiga-Flüchtlingslager,
andere werden in Lager nach Tadschura und Abu Slim gebracht. All diese
Flüchtlingslager unterstehen offiziell dem ‚Innenministerium‘ der
‚Einheitsregierung‘, Abteilung ‚Bekämpfung der illegalen Migration‘. Für jeden
Migranten, der von dort an die Schmuggelringe übergeben und nach Sabrata
gebracht wird, müssen die Schmuggler zwischen 300 und 400 US-$ bezahlen.
Zwei namentlich genannte Eritreer, wohnhaft in Tripolis,
organisieren die Tour von Eritrea über Libyen nach Italien für bis zu 1.500
US-$ pro Person. Zwischenstation der Eritreer sind Migrantenlager in Tripolis.
Die Eritreer zahlen an bekannte Milizen Schutzgeld für die sichere Überstellung
der Migranten. Private Migrantenlager werden auch in Tadschura, Abu Slim und
Gargaresch betrieben. Dort haben Afrikaner die Aufsicht, die sich so das Geld
für ihre Überfahrt nach Italien verdienen.
Weiter wird berichtet, dass der Behörde zur Bekämpfung illegaler Migration (DCIM) in Tripolis
offiziell 24 Flüchtlingslager mit 5.000 Angestellten unterstellt sind.
Allerdings besitze diese Behörde der ‚Einheitsregierung‘ in Wahrheit keinerlei
Kontrolle über diese Lager. Eine Verwaltung existiert so gut wie gar nicht,
stattdessen werden sie von lokalen bewaffneten Milizen kontrolliert.
Weiter geht der Bericht auf die Migrantenschmuggelbanden in
Sabrata ein, von wo aus die meisten Flüchtlingsboote in See stechen. Die
stärkste dort ansässige Miliz war bis zu ihrer Vertreibung im Oktober 2017 Achmed
al-Dabbaschis Märtyrer Brigade. In
diesem Zusammenhang untersucht die UN-Kommission auch die Schaffung und
Finanzierung einer sogenannten Brigade
48 durch das
‚Verteidigungsministerium‘ der ‚Einheitsregierung‘ in Tripolis, deren Führung
Mohammed al-Dabaschi, der Bruder von Achmed al-Dabaschi, innehatte, und die
gegen illegale Migration vorgehen sollte. 2017 schwenkte auch Achmed al-Dabaschi
um und hielt nun Migranten von ihrer Abfahrt aus Sabrata ab, anstatt die
Abreise zu organisieren.[2]
Der Präsidialrat hat die Brigade 48 im
November 2017 aufgelöst.
Weitere Erwähnung findet in dem Bericht Mos’ab Abu Grein
(alias „der Doktor“), Führer der al-Wadi-Miliz im Ostteil von Sabrata. Er hat
Verbindungen mit den Schmugglernetzwerken von salafistischen Gruppen in
Tripolis, Sebha und Kufra. Laut Zeugenaussagen braucht Mos’ab Abu Grein keine Nachstellungen
wegen seiner Migrantenschmuggelaktivitäten zu befürchten, da er mit der Special Deterrence Force in Tripolis bei
der Bekämpfung des Drogenschmuggels und des Alkoholkonsums zusammenarbeitet. Im
September 2017 schloss sich Abu Grein dem Anti-IS-Operation
Room (AIOR) an und kämpfte gegen die Brigade
48. Sowohl AIOR als auch Brigade 48 erfreuten sich bis dahin der Finanzierung durch die
‚Einheitsregierung‘.
Der zwischen Tripolis und Sabrata gelegene Hafen von Zawija
ist ein wichtiger Migrantenumschlagplatz. Die al-Nasr-Brigade 56 unter dem Kommando von Mohamed Koschlaf und die Zawija-Küstenwache standen in enger
Verbindung zur Miliz von Achmed al-Dabaschi. Das Geschäftsmodell sah so aus:
Ein von den Migrantenschmugglern mit Flüchtlingen voll besetztes Schlauchboot
wurde während der Überfahrt von der Küstenwache gestoppt, die Migranten bedroht
und ausgeraubt. War das Boot dann bis in Rufweite zur italienischen Küste
gefahren, brachte die Küstenwache den Motor des Schlauchboots an Bord des
eigenen Schiffes und machte sich damit davon.
Der Skandal ist, dass all diese Verbrechen und Vorkommnisse seit langem
bekannt sind, nun aber zum ersten Mal offiziell zur Kenntnis genommen werden.
Die international anerkannte und unterstützte ‚Einheitsregierung‘ konnte bisher
im stillen Einvernehmen mit all diesen kriminellen dschihadistischen Milizen
zusammenarbeiten und sie finanzieren. Erst nachdem das komplette Versagen und
Scheitern der Tripolis-‚Regierung‘ nicht mehr länger tragbar ist und die
radikal-islamistischen Milizen komplett aus dem Ruder laufen – man denke nur an
das von einer Miliz des Verteidigungsministeriums begangene Massakers im Mai
2017 auf den Luftwaffenstützpunkt Brak-al-Schatti, bei dem 141 Menschen ums
Leben kamen – nimmt endlich auch die UN offiziell davon Kenntnis.
A. Gutsche
[1] https://www.libyaherald.com/2018/03/11/most-libyan-militias-involved-in-illegal-migration-activities-nominally-affiliated-to-official-state-security-institutions-un-libya-experts-panel-report/
https://www.libyaherald.com/2018/03/09/situation-of-human-rights-in-libya-continues-to-deteriorate-un-libya-experts-panel-report/
https://www.libyaherald.com/2018/03/09/situation-of-human-rights-in-libya-continues-to-deteriorate-un-libya-experts-panel-report/
[2]
Italien investierte viel Geld, um diesen Gesinnungswandel bei Dabaschi
auszulösen.
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