Dienstag, 30. Mai 2017



Wie Großbritannien die Nattern des Terrors am eigenen Busen nährte

Manchester/Tripolis. Der Terroranschlag von Manchester und die Verbindungen Großbritanniens zu libyschen Dschihadisten oder wie aus ‚Rebellen‘ wieder ‚Terroristen‘ werden.

In Manchester kamen bei einem Attentat am 22. Mai 2017 22 Menschen zu Tode, viele wurden verletzt. Der Attentäter von Manchester war der 22-jährige Salman Abedi. Salman Abedi hatte sowohl einen britischen als auch einen libyschen Pass, letzterer lautete auf den Namen Sulaiman Abebi.
Der älteste Bruder des Attentäters, Ismael Abedi, wurde in Manchester verhaftet. Ein weiterer Bruder, Hashem Abedi, und der Vater, Ramadan Abedi, sind in der libyschen Hauptstadt Tripolis festgenommen worden. Der Vater Ramadan war Mitglied des LIFG (Libyan Islamic Fighting Group),, der Bruder Hashem soll bereits seit über einem Monat unter Beobachtung gestanden haben. Die beiden Brüder Salman und Hashem waren Mitglieder des IS. Hashem war über die Planung des Attentats informiert und hielt ständig Kontakt zu seinem Bruder. Er hatte erst am 16. April 2017 Großbritannien in Richtung Libyen verlassen und soll einen Terroranschlag in Tripolis geplant haben.
Die Übergangsregierung in Beida, die vom Parlament in Tobruk unterstützt wird, gab bekannt, es habe Großbritannien vor den Terroristen, die sich in Großbritannien aufhalten, wiederholt gewarnt. Diese Warnungen hätten Großbritannien nicht davor abgehalten, den Mitgliedern von LIFG und der Moslembruderschaft einen sicheren Aufenthalt zu gewähren. Jahrzehntelang hätten sich terroristische Gruppierungen in England sicher fühlen können. So habe die LIFG in Großbritannien und anderen europäischen Ländern moslemische Jugendliche aus Libyen und anderen Ländern für den Terrorismus rekrutiert und unter anderen nach Libyen geschickt. Dies alles sei mit dem Wissen und im Einverständnis mit der britischen Regierung geschehen. Die geistigen Väter dieser Terroristen befänden sich nun in Tripolis, unter ihnen der Großmufti Scheich Sadek Ghariani und Abdelhakim Belhadsch.[1] Genau diese Kräfte sollen nun an einer Einheitsregierung beteiligt werden.
Belhadsch, auch bekannt unter dem Namen Abu Abdullah Sadi, hatte einst unter Osama bin Laden gedient und bei al-Kaida Kampferfahrungen in Afghanistan gesammelt. Als sich die USA in Absprache mit Großbritannien und Frankreich entschlossen, in Libyen einen Systemwechsel herbei zu bomben, stand plötzlich Belhadsch in enger Zusammenarbeit mit den USA an vorderster Front beim Kampf gegen Gaddafis Sicherheitskräfte. Das Lob von US-Senator John McCain war ihm genauso sicher wie sein Amt als militärischer Befehlshaber in Tripolis. Er war maßgeblich an den Pogromen gegen schwarze Libyer, Mitglieder des Grünen Widerstands und Anhänger der Dschamahirija beteiligt. Engste Kontakte zum IS werden ihm nachgesagt.
Der damalige britische Premierminister David Cameron hat in Libyen die Übermacht der dschihadistischen Gruppen befördert. Mitglieder islamistischer Gruppierungen wurden sogar in Großbritannien militärisch ausgebildet. Diese Gruppierungen haben in Libyen unsägliche Zerstörungen angerichtet und weltweit Terror verbreitet. Die britische Times berichtet, dass der Attentäter Abedi erst vor kurzem aus Libyen zurückgekommen sei, wo er in einem Militärlager ausgebildet worden sein soll.[2]
Seit den 80er Jahren war Großbritannien für libysche Terroristen ein sicherer Aufenthaltsort. Mochte es sich um noch so radikale Islamisten handeln, solange sie gegen Gaddafi waren, wurden sie nicht nur in Großbritannien geduldet, sondern die britischen Geheimdienste arbeiteten begeistert mit ihnen zusammen.
In den 90er Jahren strömten al-Kaida-Kämpfer aus Afghanistan und Pakistan, wo sie gemeinsam mit der CIA gegen die UdSSR gekämpft hatten, nach Großbritannien. Von dort organisierten sie den Kampf gegen vom Westen als unliebsam empfundene Regierungen in Ländern wie Libyen und Syrien. Zwei bekannte libysche al-Kaida-Aktivisten, Anas al-Laith al-Libi und Noman Benotman, Mitbegründer der LIFG, arbeiteten eng mit dem britischen Geheimdienst zusammen. Anas al-Laith al-Libi, engster Mitarbeiter Osama bin Ladens und dritthöchster Mann bei al-Kaida, wurde später als Hauptverdächtiger für die Terroranschläge in Nairobi und Daressalam zur Fahndung ausgeschrieben. Am 12.03.2011 wandte er sich mit einer Videobotschaft von der wichtigen pakistanisch-afghanischen Dschihadisten-Internetplattform as-Sahab zu Wort und rief die libyschen ‚Rebellen‘ zum Kampf gegen Gaddafi auf, um in Libyen einen islamischen Staat ausrufen zu können.
Über Bin Laden, dem der Terroranschlag auf das World Trade Center im Jahr 2001 angelastet wurde, äußerten sich die libyschen Behörden in einen Bericht in den 90er Jahren an den UN-Sicherheitsrat: „Bin Laden arbeitete abgestimmt mit der Libyan Islamic Fighting Group LIFG an der Planung und Durchführung von terroristischen Aktionen, was auch Waffentransporte über die libysche Grenze beinhaltete. Die Waffen sollten in Algerien Angehörigen der Bewaffneten Islamistischen Gruppe übergeben werden.“[3] Auch der Libyer Faez Abu Zeid al-Warfali wurde der Mittäterschaft bei dem Anschlag auf das World Trade Center verdächtigt.
Davon ließen sich die westlichen Geheimdienste nicht beeindrucken. Der britische Geheimdienst MI6 beteiligte sich in Zusammenarbeit mit islamistischen Terrorgruppen in Libyen an Mordanschlägen auf Gaddafi, so berichtete zumindest der ehemalige MI6-Mitarbeiter David Shayler. Bis zum Jahr 2005 unterhielt die LIFG sogar eine offizielle Vertretung in London, obwohl die Gruppierung bereits seit 2001 auf der UN-Liste der terroristischen Organisationen stand.
Obwohl die LIFG im Jahr 2007 ihren Anschluss an al-Kaida verkündete und sich Al-Kaida im islamischen Maghreb (AGIM) nannte, wurden dschihadistische Gruppierungen in Libyen immer noch vom Westen unterstützt. Belhadsch saß nach dem Sturz Gaddafis dem Militärrat in Tripolis vor. Das heutige Chaos in der ehemals prosperierenden Hauptstadt Libyens ist ihm und seinen Kampfgruppen zu verdanken. 2011 wurden nur einige Namen der Mitglieder des Übergangsrats öffentlich gemacht. Es hätte wohl ein etwas verstörendes Bild abgegeben, hätte die Öffentlichkeit erfahren, dass ausgerechnet al-Kaida das Kommando in Libyen übernommen hat. Hatte man doch angeblich Gaddafi im Namen von ‚Demokratie und Freiheit‘ gestürzt und nicht für einen islamistischen Staat auf der Grundlage der Scharia.
Aus Geheimdienst-Leaks von US-amerikanischen und französischen Geheimdiensten geht hervor, dass der Attentäter von Manchester, Salman Abedi, schon längere Zeit als gefährlich eingestuft worden war. In Manchester war eine Zelle des LIFG bekannt, zu der der Bombenexperte Abd al-Baset Assous gehörte, der 2014 nach Libyen ausreiste.
Viele Libyer geben heute die Schuld an dem Manchester-Attentat der Regierung von Großbritannien. So sagte der bekannte libysche Journalist Reda Fhelboom, der viele Jahre in Manchester lebte, dies wäre der Preis, den Großbritannien nun für den Schutz, den sie viele Jahre libyschen Extremisten gewährte, zu bezahlen habe. „Als ich hörte, dass Libyer den Anschlag durchgeführt haben, war ich nicht überrascht. Ich weiß, dass viele libysche Extremisten in Manchester leben.“[4] Und der politische Analyst Mohamed Eldschar meinte „viele libysche Islamisten (beispielsweise LIFG) die vor dem Gaddafi-Regime flohen, wurden in Großbritannien aufgenommen und Manchester ist ihr Zentrum.“
Was hat die vom MI6 geführten Dschihadisten aus Manchester bewogen, sich gegen ihre bisherige Schutzmacht zu wenden? Vielleicht weil sich London unter Teresa May der neuen Nahost-Politik von US-Präsident Trump angeschlossen hat, dem IS und anderen islamistischen Terrorgruppen die Unterstützung in Libyen zu entziehen? Auch die Türkei hatte nach dem Umschwenken ihrer Islamisten-Politik plötzlich mit IS-Anschlägen im eigenen Land zu kämpfen. Der Kurswechsel dieser Politik bedeutet, diejenigen, die beim Sturz Gaddafis am Boden als Stellvertreterkämpfer die Drecksarbeit gemacht haben, können gehen. Gaddafi ist gestürzt. Die Revolution frisst ihre Kinder.
Bis jetzt konnten sich die Mitglieder der dschihadistischen Gruppierungen wie LIFG und al-Kaida in Großbritannien frei bewegen. Das Attentat von Manchester hat das geändert. Es ist bereits zu dreizehn Festnahmen gekommen. Interessant wäre zu wissen, inwieweit der MI6 oder andere britische Geheimdienste immer noch das Manchester-Terroristennetz steuern. Immerhin wären mit dem Attentat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Man könnte mit den Dschihadisten im eigenen Land, die nur noch stören, endlich aufräumen. Und Teresa May wurde im Wahlkampf der Rücken gestärkt.
Die Nachrichten berichten heute, dass in Tripolis schwere Kämpfe ausgebrochen sind. Gemäßigte islamistische Milizen gegen Hardcore-Dschihadisten. Europa braucht eine verlässliche Regierung in Libyen, das Migrantenproblem wächst Italien und der EU über den Kopf.

Angelika Gutsche
27.05.2017







[1] www.libyaherald.com/2017/05/24/thinni-government-says-it-warned-uk-about-harbouring-terrorists/
[2] https://deutsch.rt.com/international/51194-manchester-lifg-sender-salman-abedi/
[3] Ebd.
[4] www.libyaherald.com/2017/05/23/shock-at-revelation-that-manchester-suicide-killer-was-libyan/

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